

Empfundene Ungerechtigkeiten haben mich schon als Kind aufgeregt. Benennen konnte ich die Gründe für das Empfinden ganz lange sicherlich nicht wirklich. Dass wir in einer Gesellschaft aufwachsen, in der es erhebliche Ungleichheiten gibt, dass habe ich allerdings bereits in unserem kleinen Dorf in der kleinen Dorfschule bemerkt. Da gab es Kinder, die waren intelligent, aber ihre Eltern hatten Angst vor dem Unbekannten und haben sie lieber nicht auf das Gymnasium in der Kleinstadt geschickt. Alles in allem war es dennoch eine ländliche Dorfidylle, wie es sie heute wohl kaum noch gibt. Es war sicher. Wir konnten stundenlang alleine draußen spielen, ohne dass sich jemand Sorgen machte. Es war irgendwann auch langweilig. Wir träumten von der großen Stadt und wollten erst mal weg nach der Schule.
Wir wussten noch nichts von den viel größeren Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten, die es auch damals in der bundesdeutschen Gesellschaft bereits gab. Wir lebten in einer heteronormativen, weißen Blase. Es gab in unserem Dorf keine „Ausländer“. Meine hochdeutschsprechenden Eltern waren schon außerirdisch genug. Auch in der Kleinstadt gab es kaum Diversität in der Schule. Die türkischstämmigen Kinder stiegen zwar in den gleichen Bus, stiegen jedoch fast alle bei einer anderen Schule aus – der Förderschule.
Das fand ich schon ein bisschen seltsam.
Mein privilegiertes Leben bestand aus viel Schule, ein paar Hobbies, Musikschule und Theaterabonnement sowie regelmäßigen Urlaubsreisen. Zwar nur Camping – aber es stand nie zur Debatte, dass wir uns etwas nicht leisten könnten. Es war außerdem auch klar, dass ich studieren würde. Und zwar nicht irgendein Fach, dass einen lukrativen Job versprach, sondern ein Studienfach, für dass ich mich tatsächlich interessierte.
Dass dies Privilegien sind, wurde mir erst später klar.
Einmal, ich war sechzehn oder siebzehn, traf ich mit einer Freundin zusammen bei einer Zugfahrt einen Asylbewerber aus Algerien. Er erzählte uns, dass er einmal Leistungssportler, ich glaube Schwimmer, in seinem Land gewesen sei und dieses verlassen musste, da er politisch verfolgt wurde. Er hatte einen sehr traurigen Blick und wenig Hoffnung, dass seine Situation besser werden würde. Uns wurde auf einen Schlag bewusst, wie sehr der Lebensweg eines einzelnen vom Zufall des Geburtsortes abhängig ist.
Es war die Zeit von Mölln, Solingen, Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen. Alles Orte, die ich nie mehr ohne Bedenken besuchen kann, da ihr Name in meinem Kopf für immer einen Makel hat.
Es war die Zeit der NPD und der Springerstiefel-Nazis, gegen die wir demonstrierten und die sich Nachts mit den Punks auf den Feldern vor der Stadt kloppten, so die Legende. Obwohl das Rechtsextreme deutlich sichtbar in der Gesellschaft war, glaubten wir alle (aus einer „reinweißen“ Kleinstadt stammend), dass der Rassismus in unserem Land überwunden sei und nur ein paar ewig gestrige Idioten ganz speziellen Theorien anhingen. Dass es auch damals bereits einen tiefverankerten strukturellen Rassismus in den beiden gerade zusammenwachsenden Teilen Deutschlands gab, konnten wir in unserer Unschuld vielleicht noch nicht wissen.
So richtig klar wurde mir die Sache mit dem Privileg erst, als ich für zwei Auslandsemester an eine Uni in einer französischen Banlieue ging. Zwar hatten wir diese marginalisierten Stadtteile im Französischunterricht in einer quasiromantisierenden Art behandelt, wussten auch ein bisschen was von der kolonialen Vergangenheit unserer Nachbarn (unserer eigenen natürlich nicht), aber das direkte Eintauchen und Mitleben in diesem Viertel hat mich vielleicht mehr gelehrt, als der ganze Rest meines Studiums.
Meine ehemaliger Französischlehrer fragte meine Eltern damals, warum ich mein Erasmusjahr nicht lieber in der Provence verbringen würde, das sei ja nicht das richtige Frankreich, was ich da kennen lernen würde. Genau das ist aber der springende Punkt: Was ist das richtige Frankreich, oder auch das richtige Deutschland?
In der Vorstadt lernte ich Menschen aus den unterschiedlichsten Kontinenten kennen. In meinem Studentenwohnheim gab es nicht wenige, die sich hauptsächlich deswegen zum Studium eingeschrieben hatten, um so an ein bezahlbares Studentenzimmer zu kommen. Zwar wurde auch studiert und vor allem viel debattiert, aber tagsüber waren die meisten damit beschäftig, über Zeitarbeitsfirmen Geld in die Studentenkasse zu bekommen. Mit eigenen Augen konnte ich nun sehen, was ich nur aus den Theorien der Soziologen kannte: Hierarchien, Identitätsfragen, Abstufungen nach Herkunft und Hautfarbe. Ich konnte verstehen, was Pierre Bourdieu mit sozialem und kulturellem Kapital meinte. Vielleicht fiel mir deshalb das Verstehen einiger Bücher und Texte nach diesem Aufenthalt auch deutlich leichter.
Mit „echten“ Franzosen hatte ich so gut wie keinen Kontakt. Dafür waren die Bindungen zu einigen der „unechten“ so tief, dass sie bis heute noch bestehen.
Immer wieder bin ich dorthin zurückgekehrt, um ehrlich zu sein, auch aus persönlichen Gründen. Ich habe es keinen Tag bereut, auf die Provence verzichtet zu haben. Die kannte ich aus unzähligen Ferienaufenthalten zu genüge.
Seit meinen beiden Auslandssemestern hat mich die Frage nach kultureller Identität, nach Selbst- und Fremdzuschreibungen immer weiter beschäftigt, so sehr, dass dies am Ende meines Studiums eines der zentralen Themen wurde, mit denen ich mich wissenschaftlich beschäftigte. Dabei spielte immer wieder die Sprache als Identitätsmarker, aber auch als Bedeutungsträger, eine wichtige Rolle.
Nach dem Studium ging ich für ein halbes Jahr als Deutschlehrerin nach Marokko – ein Professor hatte mich auf die Stelle aufmerksam gemacht. Hier war ich selber nun die andere, von der jeder Schritt beobachtet wurde, der bestimmte Eigenschaften und Ansichten ohne Nachfrage nachgesagt wurden. Allerdings war das Machtgefüge nicht dasselbe, als das, das ein Marokkaner erlebt, wenn er nach Deutschland kommt. Als europäisch gelesen, gehörte ich automatisch zur Welt der ehemaligen Kolonialmächte, zu denen, die auch heute noch die Deutungshoheit haben. Als Deutschlehrerin hielt ich darüber hinaus einen wichtigen Schlüssel in der Hand: Das bestehen der Mittelstufenprüfung war für viele der erste Schritt, in Deutschland ein Studium zu beginnen. Ein anderer Schlüssel wird von uns vielleicht oft als lästig oder lächerlich wahrgenommen, aber es gibt ihn und er wird genutzt: Die Heirat mit einer Europäerin würde es einfacher machen, ohne Gefahren über das Mittelmeer zu kommen. Ja, ich habe auch ein paar Heiratsanträge bekommen, wie ernst gemeint, kann ich nicht sagen.
Die Möglichkeit, einfach mal so für ein halbes Jahr im Ausland zu arbeiten, dort herumzureisen und, wenn es dann genug ist, wieder zurückzukommen – auch das ein Privileg, das viele junge Leute aus dem sogenannten Westen heute nutzen.
In Marokko kann (oder konnte man damals – vor fast 20 Jahren) noch einiges beobachten, was als Spuren des Kolonialismus gedeutet werden kann. Und bei genauerem Hinsehen sollte man dann anfangen, sich bestimmte Fragen zu stellen – die darauf aufmerksam machen, dass die heutige Situation in der Welt kein Gleichgewicht ist, sondern die moderne Verfestigung kolonialer Strukturen, die ungefragt reproduziert werden.
In Marokko gibt es auch unter den Marokkanern unterschiedliche Schichten und Bildungsgrade. Aber es gibt immer noch Viertel, in denen vornehmlich Franzosen in sehr komfortablen Verhältnissen leben. Diese Expats würden sich nie Migranten nennen, dabei sind es doch auch „Wirtschaftsflüchtlinge“. Sie haben gut bezahlte Posten bei den Auslandsvertretungen französischer Firmen, oder auch bei Auslandsinstituten wie dem Institut Français ( welche Aufgabe diese Institute, zu denen ja auch das Goethe Institut zählt, ursprünglich mal hatten, und ob das alles so toll ist, müsste an anderer Stelle geklärt werden), große schöne Häuser mit marokkanischen Hausangestellten, und in ihre Viertel verirrt sich meist niemand anderes.
Wenn wir darüber urteilen, dass es bei uns Parallelgesellschaften gäbe und sich solche nur mit solchen treffen, dann sollten wir uns an die eigene Nase fassen und mal überlegen, wie sich viele Europäer im Ausland verhalten.
Die meisten Marokkaner sind sehr gastfreundlich und ich bin sehr oft von Schüler*innen nach Hause zum Essen eingeladen worden. Leider habe ich die Sprache nicht richtig gelernt – denn, Kolonisierung lässt grüßen – fast alle älteren Personen sprechen oder verstehen Französisch.
Dass in Marokko Ungläubige übrigens nicht in die Moscheen dürfen (anders als bei uns oder in der Türkei) ist ebenfalls eine Folge der französischen Besatzung, genauso wie die Tatsache, dass es neben fast allen alten Medinas noch ein neues Stadtzentrum gibt. Bevor man also über Tatsachen urteilt, die einem irgendwie ein Dorn im Auge sind, lohnt es sich oft herauszufinden, wieso etwas so ist.
Das Erbe des Kolonialismus spricht aus der Zerrissenheit der Ansprüche und Wirklichkeiten der jungen Leute, mit denen ich mich viel unterhalten habe (heute sind sie auch alle schon erwachsen, leben teilweise in Marokko, teilweise im Ausland und viele haben aus ihren Potentialen viel gemacht).
Auf der einen Seite lieben sie ihr Land, können sich keinen besseren Ort vorstellen, preisen das leckere Essen und die Schönheit der Landschaft, die Vielfalt ihrer Gesellschaft und die Geschichte. Auf der anderen Seite ist die Verzweiflung groß, da es wenig Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs gibt. Das politische System ist von einer Demokratie weit entfernt und laut darüber sprechen will niemand.
Während ich in den sechs Monaten zweimal ohne Probleme hin- und zurückreisen konnte, hofften alle meiner Schüler*innen auf Zulassung zu einem Auslandsstudium, um ein Studentenvisum zu erhalten. Viele Deutschschüler*innen hatten Eltern, die Ihnen den Deutschunterricht und auch das Studium finanzieren konnten. Es gab aber auch Schüler*innen, die sich das Geld für den Sprachunterricht vom Munde absparten und neben des Unterrichts noch diversen Jobs nachgingen.
Einmal kam ich in eine brenzlige Situation: Es war gerade der zweite Irakkrieg ausgebrochen und eine Demonstration gegen die USA sollte stattfinden. Ein sehr aufgebrachter Mann, der mich wohl für eine Amerikanerin hielt, nahm mich in den Schwitzkasten und gestikuliert und schrie. Niemand kam mir zu Hilfe, die Leute standen 10 Meter entfernt in einer Traube und schauten zu. Zum Glück konnte ich meinen Ausweis irgendwie aus meiner Tasche fischen und ihm beweisen, dass ich keine Amerikanerin war. Bei meiner Arbeit angekommen, wurde ich erst mal getröstet und dann mit Begleitschutz nach Hause geschickt.
Wenn ich heute von Situationen lese, in denen jemand diskriminiert oder angegriffen wird aufgrund von äußeren Merkmalen, die nichts über die Einstellung dieser Person aussagen, dann bin vor allem auf die Glotzer wütend, die die dabei stehen und nichts machen, oder die, die bei rassistischen, homophoben oder sonstigen diskriminierenden Witzen einfach mit lachen, weil es ihnen zu unbequem ist, die Situation zu belasten. Jede/r hat zumindest meistens die Möglichkeit, sich auf irgendeine Art und Weise dazwischen zu stellen.
Ganz viele meiner Privilegien sind mir allerdings erst in den letzten Jahren so richtig bewusst geworden. Dass ich inzwischen selber Kinder habe und mir manche Dinge aus einem ganz anderen Blickwinkel ansehe, hat vielleicht dazu beigetragen. Sicherlich auch die Tatsache, dass uns verschiedene gesellschaftliche Umwälzungen vor immer wieder neue Fragen stellen.
Dieses Thema ist unersättlich und wird sicherlich noch einige weitere Texte dazu geben.

