Gehörst Du auch zu denjenigen, die im Sportunterricht immer als letztes von der Bank gerufen wurden, wenn es darum ging, leistungsfähige Mannschaften für ein Völkerball- oder Basketballspiel aufzustellen?
Wenn ja, weißt Du genau, wie mein Verhältnis zu Sport und vor allem zum Sportunterricht gewesen ist. Wenn nicht, freu Dich, dass Du das nie erleben musstest. Wahrscheinlich warst Du auch sonst ganz beliebt und immer im Mittelpunkt der angesagtesten Gruppen der Schule.

Das Gefühl des Andersseins kann ein Mensch in vielerlei Hinsicht erleben. In eine von zwei Mannschaften erst als allerletzte aufgerufen zu werden, ist noch schlimmer als unsichtbar zu sein. Denn hier wird bildlich sichtbar, wer der oder die letzte ist. Naja, ich bin darüber hinweggekommen.
Dieses Nicht-Auserwählt-Sein hat aber sicherlich zu einem sehr ambivalenten Verhältnis zum Sportunterricht und zu verschiedenen Sportarten beigetragen.
Aber fangen wir mal von vorne an: Noch bis weit in mein Teenageralter hinein war ich immer die kleinste und schmächtigste in meiner Klasse. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Heute bin ich hormongeformter Durchschnitt, nach Pille und Schwangerschaften auf Kleidergröße 40 zurechtgewachsen.
In der Grundschule sah ich aus wie ein Kindergartenkind. Nur einmal war ich cool. Das war der Tag, an dem ich meine neuen Sportschuhe zum Weitspringen anziehen konnte. Damals war die Welt noch konsumleer, es gab keine Internetshops und auch keine drei Schuhgeschäfte vor Ort. Einmal im Jahr packten die Eltern ihre Kinder in das Familienauto und fuhren in eine große Stadt. Dann wurde der Jahreseinkauf an tragbarer Kleidung erledigt. Ich hatte sehr kleine und schmale Füße und war froh, überhaupt Schuhe zu finden, die mir gut passten. „Woah, das sind ja Adidas, die sind aber toll.“ (Cool oder geil sagten wir auf dem Dorf damals noch nicht). Ich wusste gar nicht was das war: Adidas. Das Weitspringen war ansonsten ein Desaster. Kein einziges Mal, auch nicht später in der weiterführenden Schule, habe ich für meine sportlichen Leistungen eine Urkunde erhalten. Bundesjugendspiele, wie ich sie hasste!
Die tollen neuen Schuhe waren überhaupt das einzige Mal, dass ich Sportunterricht positiv auffiel. Dabei war ich viel in Bewegung. Aber diese Bewegungsfreude war eben nicht auf Leistung bezogen.
Als die Grundschulzeit zu Ende war, mussten wir zur weiterführenden Schule fahren – mit dem Bus – damals ohne Handynutzung noch ein sehr lauter und stressiger Ort für ein schüchternes Kind vom Lande, oder, als endlich der Radweg fertiggebaut war, in den warmen Monaten mit dem Fahrrad. Helikopter-Taxi-Eltern gab es da noch nicht, es wäre wohl keinem der Mütter und Väter eingefallen, das Kind im einzigen Familienauto täglich hin und zurück zu kutschieren. Nur wenn wir mal den Bus verpasst hatten, oder Unterricht ausfiel, wurden wir gebracht oder abgeholt.
Mit dem Fahrrad kam ein Stück Freiheit in das Schülerleben, je älter wir wurden, desto mehr Gebrauch wurde davon gemacht. Wir waren frei vom Fahrplan, konnten ein paar Minuten länger schlafen und waren das Gedrängel und die genervten Busfahrer los. Und die Eltern konnten sich für ein halbes Jahr die Monatskarte sparen. In das Fahrradfahren bin ich sozusagen hineingewachsen. Es wurde ein ganz natürlicher Bewegungsablauf für mich und manchmal, nach anstrengenden Tagen mit zusätzlichen Musikproben oder Theater-AG-Nachmittagen brauchte ich diese Anstrengung, um wieder zu mir selbst zu finden. Ich würde heute behaupten, dass mein Körper, ähnlich wie bei Leistungssportlern, deren Körper sich der Sportart anpasst, sich in der Pubertät dem Fahrrad anpasste. Es war die einzige Sportart, die vollkommen natürlich ablief, bei der ich mich nicht zur Leistung drängen musste, sondern wo die Anstrengung von allein passierte.
Auf dem Fahrrad fühlte ich mich stark, schwerelos und losgelöst von Zeit und Raum. Wenn mich zu viel soziales Miteinander aus dem Konzept brachte, schwang ich mich in den Sattel.

In dieser Zeit war ich nur selten krank. Denn als ich älter wurde, fuhr ich immer öfter mit dem Fahrrad, bis in den Spätherbst hinein, und ganz früh im Frühjahr wieder. So bekam ich Dinge mit, die Menschen in Autos nicht sehen und fühlen können. Es gibt eine Stelle am Weg, da riecht das Gras im Spätsommer süßlich. Der Asphalt ändert seinen Geruch je nach Feuchtigkeit und Temperatur. Und auch die Geräusche sind je nach Jahreszeit sehr unterschiedlich. Ich rate jedem, einmal an einem frühen Frühlingsmorgen durch den dichten Nebel zu fahren und zu spüren, wie sich die kleinen Tröpfchen auf die Gesichtshaut setzen.
Leider durfte ich im Dunkeln nicht alleine Fahrradfahren, zumindest während der Schulzeit nicht.
Als ich später umzog und dann für eine Weile in Berlin lebte, fühlte ich mich auf dem Fahrrad immer sicherer als in der U-Bahn, auch im Dunkeln.
Je öfter ich umzog, desto schwieriger wurde es mit dem Fahrradfahren. Die Wege zur Uni oder zum Praktikum oder dann zum ersten Job waren teilweise mit dem Rad nicht mehr zu erledigen. Das Rad kam immer mit und wurde zur Freizeitgestaltung genutzt, aber mit dem ersten eigenen Auto kam auch die Bequemlichkeit. Die Distanzen, die durch weit entfernte Bekannt- und Liebschaften immer größer wurden, ließen es nicht zu, weiterhin nur Fahrradfahrerin zu sein.
Mit der eigenen Familie gab es dann noch mehr Entschuldigungen um das Fahrrad stehen zu lassen, zu wenig Zeit, muss noch jemanden mitnehmen, muss auf dem weg noch schnell einkaufen usw..
Wenn ich doch einmal wieder auf einem Fahrradsattel saß, fühlte es sich gleich richtig an.

Aber der Körper vergisst. Jahreslanges Radfahren hatten zwar den Körper mitgeformt, aber die Muskeln und das Lungenvolumen bleiben nicht über Jahre auf dem Höchststand, wenn alles auf Standby steht.
Der Körper vergisst und speichert dennoch Informationen. Schon lange wollte ich vom alltagstauglichen Damenrad wieder auf eine sportlichere Variante umsteigen. Lange gingen aber die Wünsche und Bedürfnisse anderer vor. Vor einem Jahr etwa stellte ich mir die Frage, ob ich nicht, nachdem ich endlich verstanden hatte, wie man joggen geht, ohne immer mit Seitenstechen zurückzukommen, auch in der Lage wäre, mit einem Rennrad zu fahren. Und ob ich es nicht schaffen könnte, wenigstens einmal, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. Dazu muss man wissen, dass diese Strecke eine ziemliche Steigung aufweist und zwar von beiden Seiten aus.
Früher fand ich Rennradfahrer doof. War es nicht übertrieben, für eine einfache Fortbewegungsart sich so auszurüsten und bis aufs Gramm alles abzuwiegen, sich enge Sachen anzuziehen, um möglichst aerodynamisch zu sein und eine Menge Geld in die richtige Fahrradmarke zu stecken?
Zu Ostern schenkte ich mir ein neues Fahrrad. Es ist einfach toll!

Da gibt es Gleichheiten mit mir: Ich haste Völkerball und liebte Fahrrad fahren, ich liebe es immer noch.
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Bis heute habe ich den Spaß beim Völkerball nicht verstanden. Bei anderen Ballsportarten ist es nach der Schule ein bisschen besser geworden. Es kommt halt auch immer darauf an, ob man etwas auf Leistung machen soll, oder um gemeinsam zu spielen.
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Na ja, es geht halt ein Volk gegen das andere. Sieger ist die Gruppe(das Volk, das das andere herausschießt). Auch Gesellschaftsspiele, bei denen es darum geht auf Kosten Anderer zu siegen und Vorteile zu erlangen, verderben mir die Lust am Spielen.
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