
Moderne Zeiten – moderne Rollenverteilung. Das hätten viele gerne, aber ist es auch so?
Wenn man sich die moderne deutsche Frau so ansieht – jedenfalls diejenigen, die sich auf sozialen Netzwerken selber darstellen, könnten Zweifel daran aufkommen. Und auch in der realen Welt, in Gesprächen zwischen Nachbarinnen, Freundinnen oder bei Elternabenden – vielfach habe ich das Gefühl gehabt, das sich viele Frauen ab dem Zeitpunkt, ab dem sie Mutter werden, ausschließlich als eine solche definieren. Wo sind die Frauen, mit denen Gespräche über Politik, Gesellschaft, Wissenschaft oder Kultur möglich sind?
Ja, das Mutterwerden ist ein Ereignis, das das bisherige Leben einer Frau stark verändert. Ja, ich liebe meine Kinder und habe auch Fragen und Diskussionsbedarf zu Kinderthemen. Aber nicht nur. Ich bin mehr als das. Und ich bin auch Dinge, die mit Mutterschaft absolut gar nichts zu tun haben. Und ich will über andere Themen sprechen können.
Mir erscheint es manchmal so, als ob viele moderne Frauen sich freiwillig in ihre Mutterrolle fügen und vieles von dem, was sie als Person vorher ausmachte, zur Seite schieben. Als ob sie das Baby im Arm gegen ihre einstige geistige Unabhängigkeit austauschen. Wäre es nicht vielmehr an der Zeit, dafür zu sorgen, dass es nicht ganz automatisch so ist, dass alles was mit dem (Klein-) Kind zu tun hat, zunächst mal Muttersache ist? Die Männer werden die Welt von sich aus nicht für uns ändern. Alle Errungenschaften der Emanzipation in Ehren, aber der Status Quo ist noch lange nicht die wirkliche Gleichberechtigung.
Viele Frauen geben, vielleicht sogar unbemerkt, mit dem Eingehen einer Ehe Aufgaben und Wissen an den Mann ab, weil „er es halt besser kann, weiß oder eh das Geld verdient“. Wie oft habe ich von Müttern gehört, dass sie sich nicht für Politik interessieren, oder dass sie über die Finanzen des eigenen Haushalts nicht wirklich im Bilde sind? Wie oft stecken Frauen ab der Geburt des ersten Kindes beruflich zurück, weil „er sowieso mehr verdient“ oder „das mit den Kindern nicht auf die Reihe kriegen würde“? Ja, ok, diese Entscheidungen muss jede für sich treffen. Es wäre sicherlich für jede Frau von Vorteil, wenn diese Entscheidungen aber immerhin nicht einfach automatisch passieren, sondern ausgehandelt werden.
Wie jede ihr Familien- und Mutterdasein gemeinsam mit dem Partner oder der Partnerin organisiert, das sollte eine individuelle Entscheidung sein. Und ich will sicherlich nicht über Frauen werten, die sich bewusst für die reine Care-Arbeit entschieden haben. Aber eines kann ich nicht verstehen: wie man in den aktuellen Zeiten apolitisch sein kann – gerade als Mutter.
Interessiert es Euch nicht, in welcher Welt Eure Kinder aufwachsen werden? Ob es überhaupt noch realistisch ist, an Enkelkinder zu denken? Macht es Euch nicht krank zu sehen, wie Kinder anderer Mütter in den Meeren dieser Welt ertrinken oder in Kriegen, die wir mittragen, Kinder zu Soldaten gemacht oder vergewaltigt werden? Man kann nicht nicht-politisch sein. Sich als politisch nicht interessiert zu bezeichnen, halte ich für ein Privileg einer weißen Mittelschicht-Mama, jenseits des Atlantiks gerne auch Karen genannt. Ich halte es auch für ignorant der nächsten Generation gegenüber und obendrein den Vorkämpferinnen für die Rechte der Frauen gegenüber ziemlich undankbar.
Wie viele Instagramseiten von Frauen gibt es, bei denen sich fast ausschließlich alles um Mütterthemen dreht? Mütter, die bereuen, Mütter, die bedürfnisorientiert erziehen, Mütter, die von ihrem Alltag berichten, der oft aus Kinder- und Selbstfürsorge besteht. Diese Themen sind auch wichtig, sie haben ihre Daseinsberechtigung. Aber hey, Frauen! Wir sind mehr als das. Und vor allem sind wir Vorbilder für unser Töchter und Söhne. Wie wir unsere Rollen heute spielen, hat einen nicht unerheblichen Einfluss darauf, wie gleichberechtigt die Geschlechter zukünftig miteinander umgehen werden.
Wir haben in Deutschland vielleicht noch stärker als in anderen europäischen Ländern ein ziemlich veraltetes Mutterbild. Und es ist noch lange nicht so, dass andere Lebensmodelle ohne Mistrauen akzeptiert werden. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Wir zeigen mit unseren Fingern auf andere, wenn es um Frauenrechte geht, wir bilden uns ein, ein fortschrittliches Land zu sein, auch beim Thema Frauenrechte. Ja, es ist auch wichtig, dieses Thema global zu sehen, über die Grenzen unsere Landes und des Kontinents hinweg. Aber das sollte uns nicht blind für unsere eigene Verantwortung und für die Zustände in unserem Land machen. Gebt Eure politische, gesellschaftliche Verantwortung und eure eigene Meinung nicht mit dem Tausch der Ringe ab.
Wir möchten doch alle als eigenständige Personen wahrgenommen werden. Dieses Bestreben steckt in allen, und es fängt im Kindesalter an. Wir sind eine individualisierte Gesellschaft, in der alle mehrere Rollen ausfüllen, vor allem aber Individuum sind. Wie die kulturelle Identität einer Gesellschaft nichts Feststehendes, sondern immer im Prozess begriffen ist, so durchläuft auch die persönliche Identität einen stetigen Entwicklungsprozess. In gewisser Weise haben wir es auch ein bisschen selber in der Hand, als wer wir wahrgenommen werden. Ob wir uns auf unsere Mutterrolle reduzieren oder uns bemerkbar machen als eine Person, die Interessen und Kenntnisse sowie Meinungen hat und die diese auch ausspricht oder auslebt. Es muss für eine Frau heute möglich sein, sich ihre Persönlichkeit „leisten“ zu können. Es ist doch auf Dauer stinklangweilig, immer nur über Erziehungs- oder Schulprobleme sowie Familienurlaube zu sprechen. Das geht mir nicht tief genug. Ich möchte mehr von Euch Frauen wissen und hören!
