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Euphemismen für Extreme

Sprache bildet Wirklichkeit ab, Sprache ist Werkzeug und Vermittlerin. Und sie kann dafür genutzt werden, Macht zu reproduzieren, Schlimmes zu beschönigen, Blickwinkel auszublenden. Sprache ist Kommunikation und Kommunikation ist ein Grundfaktor für eine Gesellschaft. Wie über was gesprochen wird, sagt oftmals viel über eine solche aus. Es lohnt sich, die Sprache, die in bestimmten Sphären genutzt wird, genauer anzuschauen.

Laut Duden (https://www.duden.de/sprachwissen/sprachratgeber/Euphemismus) hat ein Euphemismus folgende Funktion: „Mit einem Euphemismus wird etwas, was eine möglicherweise anstößige oder unangenehm wirkende Bezeichnung hat, beschönigt, verhüllt oder sprachlich gemildert.“

Werden solche Worte lange genug benutzt und bürgern sich regelrecht ein, so gelingt es damit manchmal, Realitäten auszublenden, etwas Grausames auf eine rein sachliche Ebene zu reduzieren.

Gleichzeitig gibt es auch das Gegenteil von Euphemismen, die sogenannten Dysphemismen, die einem Wort einen negativen Beigeschmack geben und so dafür sorgen, dass manche Sachverhalte nicht mehr wertfrei betrachtet werden.

Beide Sprachmittel haben jeweils die Funktion, das, was eigentlich gesagt werden soll, zu verschleiern.

In der aktuellen politischen Diskussion wimmelt es von solchen Begriffen. Die Tatsache, dass krude Theorien mit beschönigenden Worten als etwas Positives dargestellt werden, macht es vielen Menschen einfach, solchen Theorien zu folgen. Der politische Dikurs, der igendwann in grauer Vorzeit einmal ethische Tabus kannte, wird immer weiter nach rechts verschoben, die Grenzen des einst Sagbaren gibt es nicht mehr und damit auch keine Grenzen der Ethik und der Empathie. Heute ist es wieder möglich, von Menschen als Tieren zu sprechen, von Auslöschung menschlichen Lebens als „Lösung“ und Wertigkeiten herzustellen, eine Hierarchisierung menschlichen Werts.

Jüngstes Beispiel ist das Wort „Remigration“. Was so harmlos daherkommt wie ein Terminus aus der letzten Soziologievorlesung bedeutet nichts anderes als „Deportation“. Aber das kann man ja schlecht sagen, hat so einen negativen historischen Beigeschmack. Also schnell mal einen neuen Terminus erfinden, unter dem sich die meisten gar nichts Konkretes vorstellen können.

Vorher wurde bereits mit den Schlagwörtern „Migrantenflut“ und „Überfremdung“ reichlich Angst geschürt, dazu ein politisches Feindbild aufgebaut, die sogenannte „linksgrünversiffte Doktrin“, die angeblich überall ihr Unwesen treibt und bei uns alles kontrollieren soll.

Damit ist der Nährboden gelegt, auf dem die Saat des völkischen Gedankenguts gut verpackt in Eupemismen wunderbar gedeihen kann.

Wer jetzt, nachdem die „geheimen“ Remigrationspläne einiger (gar nicht so weniger) rechter Politiker*innen und Unternehmer*innen bekannt wurden, aufschreit und schockiert ist, hat wohl die letzten 10 Jahre auf der rosaroten Wolke verbracht. Wer es sich jetzt weiterhin leisten kann, alles Politische unkommentiert zu lassen, nur an den nächsten Urlaub oder den Stress im Büro zu denken, bereitet den Weg zurück in den Faschismus mit vor. So blind kann man gar nicht sein, die politischen Realitäten so dermaßen auszublenden, dass ein Wahlergebnis der extremen Rechte von über 20% im Bundesdurchschnitt für vertretbar gehalten wird. Dazu kommen ja noch Strömungen in den gemäßigten Parteien, die ebenfalls der Remigrationstheorie und der deutschen Leitkultur anhängen, man denke nur an die sogenannte Werteunion. Welche Werte diese vertritt, möchte ich mir lieber nicht erklären lassen.

Es wäre dringend an der Zeit, dass sich diejenigen, die sich gegen unmenschliches Gedankengut wehren, zusamemnschließen, aufzeigen, dass es nur miteinander geht, und nicht gegeneinander. Nationalismen bringen uns in der heutigen Welt, in der alles irgendwie zusammenhängt nicht weiter.

Geheim ist schon lange nichts mehr, die politischen und gesellschaftlichen Absichten am rechten Rand sind doch schon lange klar und werden auch ohne Euphemismen von Vertreter*innen dieser Parteien deutlich ausgedrückt.

Am Schlimmsten ist das Schweigen, das aus der Mitte der Gesellschaft kommt. Das Echo dieser Leere hallt laut in meinem Kopf.

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