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„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.“

Dieser Satz aus Rainer Maria Rilkes Gedicht „Herbst“ (1902) kam mir gerade in den Sinn. Zwar ist schon kein Herbst mehr, sondern bereits tiefster Winter, aber die Nachrichten aus der Welt und der Politik in Deutschland verbreiten Endzeitstimmung, die Schockstarre auslösen können. Eine Vorahnung auf eisige Zeiten – das beinhaltet die letzte Strophe des Gedichts – dürften viele in den letzten Tagen empfunden haben.

Es fing schon vor Längerem an. Im Bekanntenkreis werden heiße Themen gemieden, später wird man selbst gemieden, weil allein das Wissen, dass die Person den Finger in die Wunde legt, nervt, oder das Erscheinen der Person schon durch ihr Andersein deutlich macht, dass sie aus der Wohlfühlwolke herausholen will; die Kinder leben sich mit den Nachbarskindern auseinander, jedes lebt in seiner eigenen Realität. So wird es nach und nach tatsächlich sozial kälter. Krisen wie Corona verstärken das Gefühl, sich nur noch auf sich selbst verlassen zu können.

„Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,“ so Rilke weiter. Ja, das wird wohl so kommen, denn wenn eines in unserer Wohlstandsgesellschaft vor allem verloren gegangen ist, dann ist es das Miteinander, das Mitfühlen, das Akzeptieren des Anderen als ebenbürtigen Menschen. Wahrscheinlich ist die Dekadenz schon so weit vorangeschritten, dass nur noch ein Niedergang dieser westlichen Kultur möglich sein wird. Denn seien wir mal ehrlich: Eine Ellbogengesellschaft, in der alle nur nach vorne schauen aber nie neben sich oder hinter sich gucken, kann auf Dauer nur verlieren.

Jüngst im Bus: Schulbus fährt die Dörfer an, Schüler*innen steigen ein, die in die besser bewertete Gemeinschaftsschule gehen, die über dem Berg liegt. Meine Kinder waren in Schulen in unserer Stadt, viele Kinder mit Migrationshintergrund, Schule hat keinen so guten Ruf. Meine Kinder haben auch Migrationshintergrund. Also kein Problem für sie. Mein Sohn fährt einmal mit diesem Bus und ist verwundert: Diese reinweißen Dudes in ihrer Blase, die auf die reinweiße Dorfschule fahren -wie sollen die lernen, wie ein Zusammenleben heute geht – mit Kindern von überall her, aus allen Gesellschaftsschichten? Die Spaltung der Gesellschaft beginnt schon bei der Wahl der Intsitutionen, in die wir unsere Kinder schicken (können). Nicht alle Eltern können sich das Busfahren leisten, nicht alle möchten ihre Kinder fahren lassen. Und am Ende ist genau das auch das Problem mit den Endzeitphantasien: Nicht alle können sich eine Flucht ins Paradies leisten.

Nachrichten über Pläne, Menschen zu deportieren, politisch Widerspenstige auszuschließen machen die Runde – die Mehrheit schläft. Im warmen Bett, mit Träumen vom nächsten Mallorcaflug. „Sollte es mal soweit kommen, dann sind wir ja nicht betroffen. Dann werden die Vernünftigen schon noch was zu sagen haben – und haben die von dieser Partei nicht auch ein wenig Recht: es liegt alles an den Flüchtlingen und den Schmarotzern, die Bürgergeld kassieren – sollen die doch einfach mal den Hintern hoch kriegen und arbeiten gehen! Hier lohnt sich harte Arbeit noch! Wie Du da immer nur rumspazierst, brauchst Du Dich nicht zu wundern! Dein Leben möcht ich haben!“ Es ist ein riesengroßes Privileg, bei solchen Meldungen still bleiben zu können und wahrlich glauben zu können, es werde nicht noch schlimmer werden. Es ist schon jetzt ganz schlimm. Das Klima ist dermaßen abgekühlt, dass man sich wundert, dass nicht manche, die zu Eissäulen erstarrt sind, einfach zersplittern!

Wer jetzt nichts merkt, wird nichts mehr merken, um Rilke mal abzuwandeln.

Ganz am Anfang war bei uns eine Art Kindergarten für die gesamte Straße – es war immer sehr willkommen, dass jemand Zeit hatte, auf andere Kinder aufzupassen. Jetzt ist niemand mehr da. Die Kinder sitzen allein in ihren Zimmern, sehen sommers wie die Nachbarkinder an unserem Garten vorbeischleichen, zu ihresgleichen. Es gab Fragen zu einer schwarzen Puppe, warum die so aussieht. Fragen zum Papa, warum der immer so fröhlich ist. Gerüchte über schwarze Männer, die Kinder töten. Leute, erzählt solchen Quark jemand anderem! Oder noch besser: Erzählt es einfach gar nicht! Was bleibt den Kindern anderes übrig, als sich zum Selbstschutz zurückzuziehen in die Familienbubble? Die anderen merken es nicht, sie sehen es nicht, sind in ihrer Realität. Es sei Ihnen gegönnt, aber weh tut es trotzdem.

„wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben

und wird in den Alleen hin und her

unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“

Die ersten beiden Strophen des Gedichts sind noch recht positiv und erkennen im Herbst eine willkomene Abkühlung nach einem heißen Sommer. Die dritte Strophe aber denkt schon and den Winter, an alles was unbequem werden wird. Das einzig Relativierende, was darauf als Antwort bleibt, ist vielleicht die Binsenweisheit, dass nach jedem Winter wieder ein Frühling kommt.

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