Umzug
Ich zog nach Osten. Fünfzig Meter. Fünfzig Meter näher am Sonnenaufgang. Am Sonnenaufgang, den ich regelmäßig verschlief.
Mein Blick durch das Fenster reichte über den Parkplatz hinweg, dem Baumarkt entlang bis zur Kurve, in der die breite Straße verschwand.
Es war Sommer und zu bestimmten Uhrzeiten unerträglich heiß. Jeden Abend saß ich wartend, ersehnte das Gewitter, das die nötige Frische bringen würde. Nur selten wurden meine Erwartungen enttäuscht. Für gewöhnlich endete der Sommertag mit Donnergrollen und zuckenden Blitzen, Radfahrern, die plitschnass und aufgeweicht vom nahegelegenen Badesee heimeilten und schließlich der feuchten Kühle, die langsam durch die geöffnete Balkontür in mein Zimmer schlich. Mein Zimmer, das nun fünfzig Meter weiter vom Sonnenuntergang lag.
Wochentags drangen die Durchsagen des gegenüberliegenden Baumarktes durch die warme Luft an mein Ohr. Der Parkplatz schräg unter meinem Fenster war gut gefüllt; die Wochenendfahrer zurückgekehrt.
Von meinem Schreibtisch aus konnte ich die Straße sehen. Und, fast am Horizont, das grüne Licht. Das grüne Licht lachte mir zu. Jedes Mal, wenn ich meinen Blick zu ihm schweifen ließ, lächelte es und sein Lächeln gab mir Hoffnung, Fernweh, Sehnsucht. All diese Gefühle, die nach vorne ziehen und den Brustkorb dehnen.
Ich saß an meinem Schreibtisch und ließ meinen Blick ziellos in die Ferne schweifen, als er wie gewöhnlich an jenem Licht hängen blieb. Wieder wurde ich von unbeschreiblichen Gefühlen beschlichen; sie zogen an mir und drängten mich, zerwühlten meine Seele und rissen mich aus meinem Gedankengang.
Ich wusste nicht, was mir fehlte; ich war weder glücklich noch wirklich unglücklich. Eigentlich lebte ich damals ziemlich zufrieden und beklagte mich selten. Ich hätte nicht sagen können, was nötig gewesen wäre, um diese unzweifelhafte Sehnsucht zu stillen.
Dennoch war mir bewusst, dass mein Leben nicht perfekt war.
Und als ich dann dieses Licht wieder sah, konnte ich mich nicht mehr halten. Ich hielt das Stillsitzen und Nichtstun einfach nicht mehr aus und wäre ich sitzen geblieben, ich glaube, ich wäre zerplatzt.
So erhob ich mich also, drehte mich in Richtung der Tür und begann zu laufen. Ich lief und lief, ohne eigentlich zu wissen, wohin. Vielleicht kennst Du das auch: Deine Beine bewegen sich fast ohne Dein Zutun und je mehr Du läufst, desto weniger denkst Du.
Ich ließ mich also durch die Hitze treiben und mein Gehirn war völlig leer. Ich fühlte nichts mehr als die monotone Abfolge meiner Schritte.
Ich wusste nicht, wie lange ich gegangen war, noch wo ich mich eigentlich befand; ich schaute mich auch gar nicht um. Das grüne Licht war schon lange aus meinem Blickfeld verschwunden, ich hatte es weit hinter mir zurück gelassen.
Nach einiger Zeit – es müssen Stunden gewesen sein -, die ich nicht empfand, stand ich auf einmal wieder vor meiner Tür. Ich setzte mich wieder an den Schreibtisch und eigentlich war nichts geschehen. Erschöpft und ausgelaugt war ich, müde, nicht vor Langeweile, sondern wirklich körperlich müde. Und das machte mich glücklich. Endlich hatte ich ein Gefühl wieder wirklich empfunden, und ich kostete es aus, genoss es in vollen Zügen.
Aller Stumpfsinn, der mich vorher belagert hatte, war von mir abgefallen. Ich spürte das Leben, in mir und um mich; ich sog in mich auf und ließ meinen Sinnen freien Lauf.
Meine Sehnsucht war nicht gestillt, denn Sehnsucht ist nur Sehnsucht, solange ihr Ziel unbestimmt und unerreichbar bleibt. Auch die Gründe für meinen Stumpfsinn konnte ich nur dumpf erahnen.
Und trotzdem, ich war glücklich. Ich war glücklich, nur, weil ich mir mich selbst nach langer Zeit mal wieder bewusst gemacht hatte. Weil ich meinen Kopf ausgeschaltet hatte, der mir ständig bewiesen hatte, dass es in meinem Leben nichts Außergewöhnliches gab, dass Grund für Glück hätte sein können.
Natürlich hielt dieses Glücksgefühl nicht ewig vor. Wenige Tage später war ich schon wieder in ein Loch aus Trübsinn und Einsamkeit gefallen. Der Parkplatz hatte sich geleert, denn es war Wochenende. Von meinem Schreibtisch aus sah ich ein rotes Licht und die Sehnsucht war zu klein, um mich aus meiner Lethargie zu befreien.
Manchmal mögen Menschen Melancholie.




