Eine persönliche Einschätzung
Das Thema „Rassismus“ ist für mich schon sehr lange ein Thema. Leider interessieren sich dafür anscheinend nur Wenige, die sich nicht direkt persönlich betroffen fühlen. Dabei ist Rassismus in unserer Gesellschaft als systemerhaltendes Machtinstrument verankert. Ähnlich wie es der Feminismus bis jetzt nicht geschafft hat, patriarchale Strukturen tatsächlich aufzubrechen und es noch ein langer Weg sein wird, bis Frauen ungefragt überall gleichbehandelt werden, so wird es auch für den Antirassismus noch ein sehr langer Weg sein, bis Menschen tatsächlich einfach nur als Menschen angesehen werden und nicht nach „Farben“ hierarchisiert wird. Zu diesem Thema gibt es inzwischen sehr viele gute Bücher, die gut zu lesen sind und mit denen man/frau selber an seinen Einstellungen arbeiten kann. Für mich ist dies eine Aufgabe, der sich jede/r stellen sollte, die/der der weißen Mehrheitsgesellschaft angehört.
Außerdem gibt es auf Instagram sehr viele gute Seiten, die den Alltagsrassismus in Deutschland sichtbar machen.
In diesem Jahr hat die Black Lives Matter Bewegung aus den USA auch Deutschland erreicht; das hat dem Thema einen ungeahnten Aufschwung beschert. Ich hoffe, dass diese Aufmerksamkeit wirklich zu Umbrüchen führt und Änderungen kommen werden.
Für mich, die ich im Bildungsbereich tätig bin, ist gerade in diesem Bereich noch sehr viel zu tun.
Hier kommt ein Text, den ich geschrieben habe, nachdem im in einem „Sozialen“ Medium mal wieder eine total nervige Diskussion bezüglich des M-Wortes hatte und die Person, mit der ich diskutiert habe, genau die immer gleichen Abwehrmechanismen bemüht hat, die von weißen Zeitgenossen, die sich nur oberflächlich mit dem Thema beschäftigen, immer wieder kommen.
Auch dazu gibt es sehr gute Bücher – die Literaturhinweise zum Thema werde ich in einem Extrablog noch zusammenstellen. Diese Bücher kann jede/r lesen, dafür muss man nicht Schwarz oder grün oder gelb sein!

Wie man es auch sehen kann
Für diesen (Achtung!) langen Text, möchte mich zunächst auf die Instagram-Seite „#wasihrnichtseht“ von @domilucha beziehen, auf der Rassismuserfahrungen gesammelt und sichtbar gemacht werden. Abonniert sie oder guckt zumindest mal rein – damit Ihr seht, von was ich hier spreche. Solche Geschichten könnte auch ich auf Anhieb mindestens 20 erzählen, obwohl ich selbst „nur“ Zeugin oder Trösterin war, nicht direkt von den Angriffen betroffen – obwohl, manches Mal bin ich sicherlich auch mitgemeint. Ich bin weiß, mein Mann ist Schwarz, wir haben drei Kinder und einen buntgemischten Freundes- und Familienkreis. Wer sich nicht vorstellen kann, wie es in einer Kleinstadt ist, anders zu sein, dem rate ich zu einem Stadtbummel mit ein paar Schwarzen Menschen: je größer die Gruppe, desto bedrohlicher scheint es für den Original-Deutschen zu sein. Unverhohlene Stierblicke, Angestarrt-Werden wie im Zoo, man könnte meinen, solches Verhalten müsste in unserer modernen, mondialisierten Welt der Vergangenheit angehören. Aber weit gefehlt, hier in der Provinz stieren einem die Blicke aus jedem zweiten Eiscafé an. Die Betroffenen selbst haben irgendwann zu Recht die Nase voll und wollen manchmal gar nichts mehr erzählen; einfach nur in Ruhe gelassen werden und ein normales Leben leben. Daher denken auch viele Bekannte, dass es ihrem Schwarzen Bekannten ja nicht so ergeht. Selbst Leute, die sich Freund nennen, können sich oft nicht in die Situationen hineinversetzen, wollen die Erfahrungen herunterspielen und gleichsetzen mit Diskriminierung, die sie als Deutsche vielleicht mal im Ausland erfahren haben oder anderen individuellen Diskriminierungserfahrungen.
Es ist gut, diese Erlebnisse, die für unsere Nächsten Alltag sind, sichtbar zu machen, denn auch das ist mir schon oft begegnet: Vollkommenes Unverständnis über meine Wut und Negierung der kleinen Stiche – in den Augen vieler sind es die Betroffenen selbst, die einfach zu empfindlich oder sensibel sind und jedes Wort auf die Goldwaage legen. Mir selbst wird Hysterie vorgeworfen, dass ich dem Thema zu viel Gewicht beimesse, parteiisch bin, weil ich selbst mit drin stecke – auch ein „selber schuld, wenn man sich so einen Partner sucht“ habe ich schon mal zu hören bekommen. Oder „Was haben denn deine Eltern dazu gesagt?“…
Leider befürchte ich, dass die hier geschilderten Erfahrungen zu einem großen Teil auch nur von Leuten gelesen werden, die sich tatsächlich mit dem Thema auseinandersetzen wollen. Aber es ist dennoch ein sehr wertvoller Schritt, je mehr Rassismus-Erfahrungen da stehen, desto sichtbarer wird die Alltäglichkeit des Ganzen und sichtbar wird auch der Gleichmut, mit dem die Masse diesen Erfahrungen begegnet.
Vieles läuft unter der Oberfläche, über Sprache, Verhalten, auch über vermeintlich positive Bemerkungen. Unsere gesamte Sprache ist der Ausdruck unseres Gedankensystems, unserer Machtverhältnisse und transportiert diese immer weiter. Daher ist es wichtig, Wörter, die vermeintlich nicht bös gemeint sind, ersatzlos zu streichen, wenn sie eine schmerzhafte Geschichte transportieren – auch hierzu habe ich schon einige Diskussionen geführt, nicht immer mit Erfolg.
Neben den Wörtern gibt es das Verhalten – ebenfalls eine Form der Kommunikation und als Ergänzung des Gesagten zu sehen. Es kommt nicht nur darauf an, was gesagt wird, sondern auch wie. Und hier sind wir bei einem Schlüsselpunkt: Ohne es zu bemerken, nehmen viele weiße bei der Kommunikation mit Schwarzen die Rolle des Mächtigen ein, so sind wir es ja gewohnt. Wir haben gelernt: Wir müssen ihnen die Welt erklären, wir wissen wie es läuft und nur wir wissen, was wirklich weh tut. Daraus resultiert eine Sprechweise, die deutlich von der Art abweicht, in der wir mit weißen sprechen würden. Beobachtet Euch mal selber…
Einmal hat mein Mann eine Mauer gebaut – alle zwei Stunden kam ein anderer weißer Freund vorbei, keiner davon Maurer, mit Ratschlägen, wie die Mauer anders gebaut hätte werden müssen. (Ja, ich frage auch den Gärtner, wenn ich wissen will, wie man ein Klavier stimmt.)
Überhaupt diese Unhöflichkeit und dieses Misstrauen, mit dem viele weiße Schwarzen gegenübertreten – so will niemand behandelt werden. Wo bleibt der Spiegel, den wir uns ab und zu mal selber vorhalten sollten? Wo ist Empathie – ist das eine Fähigkeit, die nicht zählt und daher auch nicht weiter gegeben wird? Zuhören, verstehen wollen und nicht gleich doppelt so laut sprechen, weil man vermutet, dass der andere einen vielleicht nur halb versteht – das wäre mein Wunsch.
Gerade am Wochenende haben wir es wieder erlebt – wir treffen eine Mitschülerin unseres Sohnes, die auch schon mal bei uns zuhause war, in einem Laden. Ihre Stiefmutter, die uns nicht kennt, brüllt meinen Mann an, weil er sich mit ihr unterhalten hat, nach dem Motto „was willst Du?“. Sagt dann später noch, dass es halt viele gefährliche Leute gibt… Man könnte ja auch einfach ganz höflich fragen: „Ah Sie kennen die…? Woher?“ oder sich zumindest für das unhöfliche Auftreten entschuldigen?
So wird die Liste immer länger, und die Hoffnung, dass sich etwas ändern wird, wieder ein kleines bisschen kleiner.
Wir isolieren uns ungewollt jedes Mal ein bisschen mehr, von unseren Nachbarn, Bekannten und Freunden, weil kein Verständnis da ist und Nachbarn auch schon mal im Spaß „Hey N..ga!“ oder im Suff „Du bist doch beim I.S.“ sagen. Weil Kinder in der Schule Judenwitze erzählen und auf dem Schulweg sagen „Ich wünschte es käme ein zweiter H..ler, dann würde der die ganzen Muslime endlich auslöschen.“ Und weil das außer uns wohl niemanden zu stören scheint?!
Ich finde, dass es in den letzten Jahren mit den offenen Anfeindungen und den unüberlegt dahingesagten Naziparolen schlimmer geworden ist, und bin verwundert, dass in vielen Institutionen ein Auge zugedrückt oder weggeschaut wird. Am unterschwelligen Rassismus hat sich nichts geändert, der ist immer noch genauso da, wie vor 30 Jahren, oder sogar stärker geworden.
Wo ist das weltoffene, tolerante Deutschland, als das man sich im Ausland gerne darstellen möchte? Wir reisen wie die Weltmeister, aber unser Blick auf die Anderen, vermeintlich Fremden bleibt der gleiche wie vor 100 Jahren. „Die sind da ja auch so dreckig!“ in der Karibik – komisch – nach meinen Erfahrungen wird da 5mal mehr geputzt und geduscht als bei uns. „Die haben ja alle mehrere Frauen.“ – ja, genau, und Ihr fahrt dort auch nur hin für ein nettes exotisches Abenteuer, womöglich noch mit Minderjährigen um mal ein Gegenklischee zu bemühen. Wir fahren wohl nur ins Ausland, um anschließend erzählen zu können, was „da unten“ alles so neben der Spur ist. Finden wir an uns selbst nichts Gutes, um uns immer und immer wieder über das Abwerten anderer zu definieren? Wie können wir guten Gewissens reisen, wenn wir alles von oben herab be- und ver-urteilen?
Welche Angst muss ein „Volk“ treiben, sich so sehr über Negatives zu definieren? Die berechtigte Angst, dass sich alle, die durch uns und unserer Vorfahren unterdrückt, ausgebeutet, entmenschlicht und entrechtet worden sind, sich irgendwann rächen? (Das gilt im Übrigen nicht nur für „die“ Deutschen, in vielen anderen Ländern mit kolonialer Vergangenheit findet man Ähnliches – in Frankreich zum Beispiel, wo viele Schülerinnen und Schüler nicht mal „ihre“ Überseedepartements richtig geographisch verorten können – denn die Bewohner sind ja schwarz, also muss es bei Afrika sein…)
Blindheit vor geschichtlichen und ökonomischen Zusammenhängen, die bis heute für ungesunde Abhängigkeitsverhältnisse sorgen, hat so manchen arrogant gemacht. Leider wird im Bereich der Bildung bisher auch noch viel zu wenig getan, um diese Zusammenhänge sichtbar zu machen. Das Thema Kolonialismus und Versklavung bleibt ein Randthema in den Geschichtsbüchern. Schon in Kinderbüchern werden Schwarze als unzivilisiert dargestellt. Nur, was ist das für eine Zivilisation, die sich auf Ausbeutung und Unterdrückung gegründet hat, und deren beste Errungenschaften (wie die Demokratie) immer nur für einen bestimmten Teil der Menschen galten? Die gerne verschweigt, dass es bereits lange vor ihr andere Zivilisationen gab, die Großes geschaffen haben und auf deren Erfindungen und Philosophie auch Teile unseres Weltbildes bauen?
Gutmeinende Gutmenschen bemühen heute oft das Bild der Kinder, die sich über Farbgrenzen hinweg verstehen und sagen dann: Kinder kennen keinen Rassismus (also lasst ihn uns auch nicht sehen). Ja mag sein, vielleicht bis sie ein oder zwei Jahre alt sind. Kaum treffen sie in ihrer sozialen Umgebung auf die Umwelt, sei es auf Spielplätzen, in Cafés, Supermärkten, Schwimmbädern oder dann in Kindertageseinrichtungen auf die institutionalisierte Erziehung, ist es vorbei mit der Idylle. Also – wenn ich länger darüber nachdenke, ist es oft schon vorher vorbei: Denn schon im Mutterleib hört das Baby Aussagen wie „Oh das wird bestimmt ein ganz süßes Schokobaby.“ Oder der Kinderarzt fragt bei der U4 ob es besonders viele Karotten gegessen hat…
Erziehung und Bildung sind wichtige Felder, in denen antirassistische Werte (außerhalb der Familie, die den Grundstein legen sollte) und ein Verständnis für die Alltäglichkeit von Rassismus und das eigene Verankert-Sein in diesem Denken vermittelt werden könnten. Dafür müssen die Vermittler*innen aber für die Thematik sensibilisiert sein. Manchmal hat man Glück und trifft auf Personen, die offen sind – auch das ist uns passiert, um auch noch etwas Positives zu berichten: Lehrer*innen, die dankbar sind für Hinweise auf unsensibel bebilderte Klassenarbeiten oder auf etwas zu leichtfertig Dahingesagtes zur Genthematik, die zuhören können und Erfahrungen ernst nehmen und sie in Diskussionen aufnehmen, auf eine Art, die die Betroffenen nicht bloßstellt.
Es besteht vielleicht doch noch Hoffnung: Der Dialog bietet dafür eine Chance, kann aber auch sehr ermüdend sein, daher: Chapeau an alle, die sich diese Arbeit auf ihre Fahnen geschrieben haben.
Und an alle, die es nicht als ihre wichtigste Aufgabe sehen, den Rassismus zu bekämpfen – denkt daran, auch kleine Aktionen zeigen Wirkung. Und am allerwichtigsten: Erkennt die Erfahrungen eurer Schwarzen Mitmenschen an – es sind nicht bloß Kleinigkeiten, und es passiert täglich.
Hier sind zur Illustration zwei Situationen aus unserem Negativalmanach:
Die erste bewusste Begegnung eines Kindes mit Rassismus:
Sohn (4 Jahre alt) kann nicht einschlafen. Auf die Frage, was los ist, wird herumgedruckst. Erst als der Papa aus dem Zimmer geht, kommt die Frage: „Stimmt es, dass der Papa aussieht wie Kaka? Der … hat gesagt, dein Papa sieht aus wie Kaka.“
Was es für ein Kind bedeuten muss, den Papa schützen zu wollen und den ganzen Nachmittag über das Gesagte zu grübeln…
Ein Tag im Schwarzwald (nicht 1933, sondern 2013):
Am Titisee wird die Tochter meiner Freundin zur Seite geschubst und als N… beschimpft. Im Kuckucksuhrengeschäft behandelt man die Kinder wie Diebe („Don’t touch!!!“). Auf dem Rückweg beim Kaffee am Feldberg sitzt ein Nazipaar am Nebentisch, schon ziemlich angetrunken, und fängt an über die M—Kinder zu lästern und den Untergang Deutschlands heraufzubeschwören. (Wir sind zwei weiße Frauen, ein schwarzer Mann und sieben unterschiedliche Kinder). Mein Mann setzt sich dazu und sucht das Gespräch, bei dem es zu keinen wirklich nützlichen Erkenntnissen kommt. Beim Bezahlen sage ich der Wirtin, dass sie künftig ihre Kunden ein bisschen im Auge behalten muss, sonst kommen bald keine zahlungswilligen Touristen mehr in das Café. Sie sagt, dass sie nichts machen kann, die wohnen da halt in ner Ferienwohnung. Beim Abfahren kriegen wir von dem Paar den H-Gruß gezeigt. Wir waren zu aufgeregt, um das zur Anzeige zu bringen und sind seitdem nicht mehr mit Besuch auf den Feldberg gefahren.

Danke für Deinen mutigen und wichtigen Vorstoß. Das Thema ist mit der allgegenwärtigen Globalisierung so was von aktuell und leider noch immer ein Tabuthema.
Dein Satz „Wir reisen wie die Weltmeister, aber unser Blick auf die Anderen, vermeintlich Fremden bleibt der gleiche…“ bringt es sowas von den Punkt.
Mein Sohn wurde mal abfällig als Ölauge betitelt, da war er noch nicht mal 1 Jahr alt. Die alte Dame wusste es leider nicht besser…
Herzlichst, Sovely
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Danke für Dein Feedback, ich finde auch dass das Thema neben vielen anderen wichtigen gesellschaftlichen Themen eines der wichtigsten ist, wenn es darum geht, unsere Gesellschaft lebenswert und zukunftsfähig zu machen.
Viele Grüße von Kati
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Da bin ich ganz bei Dir, liebe Kati. Freut mich heute auf Deinem Blog gelandet zu sein. Alles Liebe, Sovely
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