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Lost

Ist das Jugendwort des Jahres 2020.  Passt ja irgendwie. Wie soll man in diesem Jahr auch was anderes als „lost“ sein.

Gerade habe ich gelesen, dass die deutsche Sprache seit 100 Jahren etwa 30% an Wortschatz zugelegt hat. Mit dabei sind sicherlich auch solche Anglizismen, die zunächst in der Jugendsprache ihren Platz haben und dann irgendwann in den normalen Sprachgebrauch übergehen.

Manche Sprachpuristen haben solche Ergänzungen gar nicht gerne. Aus Angst, das Deutsche würde irgendwann nicht mehr als eigenständige Sprache existieren, sollen Lehnwörter aus anderen Sprachen möglichst durch deutsche Wörter ersetzt werden.

Doch eine reine Sprache gibt es nicht und hat es nie gegeben, mit Ausnahme vielleicht von Sprachen, die nicht leben wie Latein oder Sprachen religiöser Werke. Sprache unterliegt schon immer dem Wandel, sonst würden wir heute noch die mittelalterlichen Verse eines Walther von der Vogelweide ohne weiteres verstehen. Realitäten ändern sich, Erlebtes ändert sich, neue Dinge werden erfunden, gesellschaftliche Strukturen ändern sich, das alles hat Einfluss auf die Sprache. Natürlich spielt da auch der populärkulturelle Einfluss von Unterhaltung eine Rolle. Auf der anderen Seite schafft und begrenzt Sprache unsere Welt, zeichnet Hierarchien nach und muss deswegen ab und an auch bewusst geändert werden. Was ich in meiner Sprache nicht ausdrücken kann, kann ich nicht repräsentieren, ist quasi inexistent. Was in meiner Gesellschaft als Idee nicht gewünscht ist, sollte auch nicht durch Ausdrücke weiterleben, weil diese Idee sonst weiter dargestellt werden kann.

Manche Sprachen sind noch sehr jung, an ihnen versuchen Sprachwissenschaftler*innen zu verstehen, wie Sprachen überhaupt entstehen. Die jüngsten Sprachen sind die sogenannten Kreolsprachen, Sprachen die beim Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen und Ausgangssprachen in der Zeit des Kolonialismus entstanden sind. Vielleicht schreibe ich darüber mal einen Extratext, dazu gibt es sehr viel Interessantes zu sagen.

Sprachwandel, Einflüsse von Fremdsprachen, grammatikalische Entwicklungen, Verschiebungen von Wortbedeutungen; das alles ist sehr eng auch mit einem Verständnis von kultureller Identität verstrickt. Auch dieses Themenfeld ist so groß, dass es mit einem eigenen Text bedacht werden sollte.

Was stellt Ihr Euch vor, wenn Ihr an jemanden denkt, der „lost“ ist? Je nachdem, in welchem Kontext Ihr das Wort zu ersten Mal gehört oder verwendet habt, kann das ganz unterschiedlich sein.

Mir gefällt das Wort sehr gut. Aber ich befürchte, dass es für mich einfach nicht so negativ besetzt ist, wie für die Jugendliche, die es als Synonym für „ahnungslos“ oder „unentschlossen“ benutzen, manchmal einfach auch, um jemanden als total doof darzustellen.  Ich stelle mir unter jemandem, der „lost“ ist, eher jemanden vor, der tatsächlich ein bisschen verloren zwischen den Welten schwebt. Das Wort hat für mich eine gewisse Poesie, suggeriert Freiheit gemischt mit Melancholie.

Was wir uns unter bestimmten Wörtern vorstellen, definiert, wie wir die Welt sehen. Sprache hat daher einen sehr großen Einfluss auf unser Weltbild. Wer verschiedene Sprachen spricht, weiß sicherlich, dass es Dinge oder Sachverhalte gibt, für die er nicht in jeder Sprache angemessene Ausdrücke finden kann. Insofern ist es durchaus möglich, sich in verschiedenen Sprachen als eine unterschiedliche Person wahrzunehmen. Für mich ist es zum Beispiel wesentlich einfacher, in einer Sprache zu fluchen, die nicht meine Muttersprache ist. Denn in meiner Muttersprache wurde mir das fluchen nicht vorgelebt, es kommt mir auf Deutsch gänzlich unnatürlich vor.

Bevor wir uns zielführend miteinander unterhalten können, müssen wir definieren, was wir mit unseren Wörtern meinen, sonst sind wir buchstäblich „Lost in Translation“. Dies gilt für Unterhaltungen in derselben Sprache und noch viel mehr, wenn von einer in die andere Sprache übersetzt wird.

Kübra Gümüşay schreibt dazu in ihrem empfehlenswerten Buch „Sprache und Sein“ (Hanser Berlin, 2020):

„Es gibt Lücken. Zwischen der Sprache und der Welt. Nicht alles, was ist, kommt zur Sprache. Nicht alles, was geschieht, findet seinen Ausdruck darin. Nicht jeder Mensch kann in der Sprache, die er spricht, sein. Nicht etwa, weil er die Sprache nicht ausreichend beherrscht, sondern weil die Sprache nicht ausreicht.“

2 Kommentare zu „Lost

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